ANN-BETH SOLVANG SINGT SEIT DREI JAHREN IN OLDENBURG

ANN-BETH SOLVANG SINGT SEIT DREI JAHREN IN OLDENBURG

ANN-BETH SOLVANG, MEZZOSOPRANISTIN

“Ich bin vor einer Probe mit dem Orchester genauso aufgeregt, wie vor einer Vorstellung. Ich spüre immer diese gewisse Energie…”

Interview vom 01.12.20

Das Theater bleibt coronabedingt bis auf Weiteres erneut geschlossen. Womit wärst du jetzt beschäftigt, wenn es nicht so wäre?

Mit den Opern “Die Spanische Stunde” von Ravel und “Adriana Lecouvreur” von Cilea. Und ich sollte einen Liederabend mit Orchester singen. Berlioz: “Le Niuts d’etes”. Der Dezember wäre also für mich ganz vollgepackt, so wie es eigentlich jedes Jahr der Fall ist. 

“Adriana Lecouvreur” war fast fertig geprobt und hätte am 2.12. 20 Premiere gehabt. Wir hatten mit den Proben ein paar Wochen, bevor das Gesundheitsamt uns mitteilen sollte, wie es weiter geht, angefangen. Wir hatten aber alle im Hinterkopf, dass es erstmal nicht zu einer Premiere kommen wird, da die Corona-Zahlen so hoch waren. 

Hat sich dadurch etwas an deiner Herangehensweise geändert?

Nein, nein… nein. Auch mit der “Spanischen Stunde” von Ravel waren wir in einer ähnlichen Situation. Wir haben zwar noch die Premiere gespielt aber danach musste das Theater wieder schließen. Ich hoffe, falls es im Dezember nicht geht, dann wird die Premiere von “Adriana” im Januar nachgeholt.

Ich singe die Rolle der Fürstin von Boullion und das ist eine sehr anspruchsvolle Partie für mich. Es wäre sehr deprimierend zu denken, dass man umsonst geprobt hat… Ich mag aber auch die Probenzeit an sich, wenn das Publikum noch nicht dabei ist. Ich bin vor einer Probe mit dem Orchester oft genauso aufgeregt, wie vor einer Vorstellung. Ich spüre immer diese gewisse Energie… die Nervosität, dieses Kitzeln, nicht nur, wenn das Publikum da ist… Es ist der Prozess….. (Schaut aus dem Fenster und flüstert) Entschuldigung, ich bin wie eine Rentnerin geworden – da ist ein Rotkehlchen, der Vogel mit der roten Brust,… (Lacht)… der ist so süß.

“…jeden Tag aufzustehen, Ziele zu haben und etwas entwickeln zu können und sich darauf voll zu konzentrieren.”

Nach dem 1. Lockdown war es so schön wieder Aufgaben zu haben und normal zu arbeiten, jeden Tag aufzustehen, Ziele zu haben und etwas entwickeln zu können und sich darauf voll zu konzentrieren. Proben sind auch stressig, aber ich mag ja, wie gesagt, die Probenprozesse. Es ist nicht, dass ich denke: wann kommt endlich das Publikum, nicht für mich jedenfalls.

“…ob man für eine große Masse singt oder nicht, man muss trotzdem jede einzelne Person erreichen”

War es komisch für dich, dass nach dem 1. Lockdown so wenig Leute im Zuschauerraum gesessen haben? Nur 80 statt wie sonst 500 Leute?

Ja das war ganz komisch am Anfang. Irgendwie war es aber auch ein schönes Gefühl, so intim. Einmal saß ich selbst im Publikum bei der Oper “Don Pasquale” und es war seltsam, allein mit so wenigen Menschen, spontan Reaktionen zu zeigen. Zum Beispiel Lachen…. Bei dem Koreanischen Liederabend war es aber total schön, dass so wenig Leute da waren, es war ein sehr intimes Gefühl. Für das Publikum ist es sicher spannend, zu wissen: das passiert hier gerade nur für mich. Das kann sehr überwältigend sein. Musikerlebnis ist ja sowieso etwas sehr Persönliches und deswegen finde ich als Sängerin, ob man für eine große Masse singt, oder nicht, man muss trotzdem jede einzelne Person erreichen. 

Wie gehst du mit der Situation um? Wie gestaltest du deinen Alltag?  Es sind mittlerweile schon neun Monate vergangen seit dem ersten Lockdown im März. Wie war diese Zeit für dich? Was war trotzdem möglich?

Jetzt ist es anders als im ersten Lockdown. Damals war ich total überfordert mit der Situation. Wir hatten eigentlich so viel zu tun und plötzlich nichts mehr. Ich war überhaupt nicht vorbereitet darauf, plötzlich so viel Zeit zu haben. Ich habe versucht neue Stücke vorzubereiten, aber dann wurde wieder alles abgesagt. Ich wusste nicht wie ich meine Energie kanalisieren sollte und bin ein bisschen in eine Art Leere gefallen. Ich habe dann aber versucht mir Routinen zu suchen. Ich war einige Jahre freischaffend, ich weiß also von mir, dass ich feste Strukturen  brauche, um mich kreativ zu fühlen. Wenn ich keine Ziele habe, bin ich nicht unbedingt voll von Ideen. Als der Frühling kam und der erste Schock vorbei war habe ich es auch ein bisschen genossen, meinen Kopf weg von den Noten und von der Arbeit zu bekommen. Das Leben ist ja noch mehr als das, und das hat mir gutgetan. Jetzt nehme ich mehrmals die Woche Gesangsstunden übers Telefon bei meinem Lehrer in Italien. Dafür stelle ich eine Leiter auf den Tisch (zeig auf den Couchtisch) und mein Handy obendrauf. Ich hätte nie gedacht, dass das so gut klappt. Für die Zukunft heißt das vielleicht, dass ich nicht so oft nach Italien fliegen muss. Heute habe ich auch eine Stunde mit ihm. Ich gebe auch selbst ein bisschen Unterricht per Konferenzportal (digital). Außerdem versuche ich jeden Tag zu lernen und mache Verabredungen, auch mit mir selbst (lacht ).

„…es ist ein Luxus, dass man ständig Pläne und Projekte hat“

Das ist jetzt meine dritte Spielzeit in einem festen Engagement, und es ist ein Luxus, dass man ständig Pläne und Projekte hat. Es ist ein Privileg in dieser Zeit fest angestellt zu sein und keine finanziellen Ängste zu haben. Ich war auch freischaffend und weiß daher, wie das ist, wenn man mehrere Monate lang nichts zu tun oder keine Perspektive hat

Hast du Angst vor dem Virus?

Für mich war es tatsächlich schlimm, dass ich nicht zu meinen Eltern und nichts tun konnte. Es war ein klaustrophobisches Gefühl. Im Hinterkopf schwebt natürlich auch immer der Gedanke, dass man Sänger/in ist und Corona eine Lungenkrankheit – nicht unbedingt die ideale Kombination… Man hat Lust Menschen zu treffen, aber auch Angst, dass etwas passieren könnte. Für mich ist es besonders schlimm mit der Angst zu leben, dass ich theoretisch andere anstecken könnte. Auch die Kolleg/innen. Ein bisschen Distanz von den Nachrichten und dem Fernsehprogramm hat mir geholfen. Aber es macht mich sehr traurig, wenn man die Berichte über die Spaltung der Gesellschaft und die Aggressivität, die jetzt dazu gekommen ist, sieht. 

„Ich hatte stattdessen Lust bekommen, vielleicht doch selbst Sängerin zu werden…“

Du bist in Norwegen geboren und hast schon viele interessante Stationen hinter dir. Wie war dein Weg bis hierher?

Ich bin in Stavanger aufgewachsen und habe dort das Konservatorium besucht, in Fachrichtung Pädagogik. Dann habe ich zwei Jahre ganz im Norden Norwegens gewohnt, in Alta. Dort habe ich als Musiklehrerin am Musikgymnasium gearbeitet, auf das auch viele Kinder der Sámi gingen, der Ureinwohner Norwegens. Ich ging frisch nach der Ausbildung dorthin und hatte meine Schubert-Hefte und meinen Bach dabei und dachte, jetzt singen wir mal alle schön im Chor. Jede/r Schüler/in sollte mir ein Lied vorsingen, damit ich die Stimmlagen hören und planen könnte. Alle durften sich ein Lied selbst aussuchen. Und so kamen alle zu mir und jeder einzelne hatte ein „Joik“ vorbereitet. Ein Joik ist eine eigene Art zu singen, so wie die Ureinwohner traditionell singen. Es heißt dort nicht: ich singe ein Lied, sondern: ich werde den Wind singen oder ich werde meine Oma singen. Man beschreibt mit Musik, wie diese Oma ist, aber ohne Worte, nur mit Rhythmus und Tönen in diesem speziellen Stil des Singens. Ich habe damals sowas zum ersten Mal überhaupt gehört und die Lieder waren sehr persönlich. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte und war absolut überfordert. Auf jeden Fall habe ich in diesem Moment verstanden, dass mein Unterricht wohl erstmal nicht in Richtung Schubert und Bach gehen wird…

Es waren zwei wahnsinnig interessante Jahre dort, in denen ich diese Kultur kennengelernt habe und diese andere Art zu singen. In diesen zwei Jahren habe ich aber auch verstanden, dass ich noch zu jung und unerfahren war, um Gesang zu unterrichten, ich war ja erst 20 Jahre alt.

Ich hatte stattdessen Lust bekommen, vielleicht doch selbst Sängerin zu werden… Deswegen habe ich mich in Oslo an der Opernhochschule beworben und dort 3 Jahre studiert.  Die Schule war damals in einem alten Speichergebäude in der Nähe der Stelle, wo heute die neue Oper steht. Es war ziemlich skurril, denn es gab einfach gar nichts da… In meinem letzten Jahr zogen wir dann in die neue Kunsthochschule in Oslo, eine wirklich schöne Universität. Dort hatten wir auf einmal eine eigene Sauna in der Garderobe und es war wirklich sehr luxuriös. Dafür hatte es aber nicht mehr den alten Charme. 

„Ich war müde vom Reisen und Alleinsein in Hotels. Ich hatte Lust auf mehr Stabilität“

Im Anschluss an das Studium habe ich freischaffend in Oslo gearbeitet. Nach Deutschland bin ich dann zufällig gekommen. Ich hatte an dem Festival in Rheinsberg teilgenommen und jemand hat eine Aufnahme von mir an das Staatstheater Hamburg geschickt. Dann wurde ich zum Vorsingen nach Hamburg eingeladen und es hat geklappt. Ich war danach insgesamt 5 Jahre im Ensemble in Hamburg. Dann habe ich gekündigt, weil ich Lust auf Konzerte und selbständige Arbeit gehabt hatte. Nach Oldenburg bin ich auch zum ersten Mal als Gastsängerin gekommen. Und 1-2 Jahre später habe ich einen Anruf bekommen, dass es dort eine Stelle für mich gäbe. Darüber musste ich nicht lange nachdenken. Ich hatte Lust wieder Teil eines Ensembles zu sein und Oldenburg hat mir sehr gut gefallen. Ich war müde vom Reisen und dem Alleinsein in Hotels. Ich hatte Lust auf mehr Stabilität.

Ich spüre, dass diese Stadt sehr viel Kreativität hat.“

Du lebst jetzt seit zwei Jahren in Oldenburg… ist Oldenburg eine Stadt, in der man gerne Wurzeln schlagen möchte?

Ja… Vielleicht? (lacht) Also mir gefällt es. Wenn man bedenkt, wie klein Oldenburg ist, passiert hier dafür sehr viel. Das Publikum hier ist ganz toll. Auch wenn wir wirklich viele Vorstellungen spielen, haben wir immer viele Zuschauer. Es gibt viel Interesse, welches man in großen Städten oft gar nicht hat, weil die Konkurrenz zu groß ist. Da gibt es so viele Angebote, dass man oft nirgendwohin mehr geht, weil man mit dem übermäßigen Angebot überfordert ist. 

Ich spüre, dass diese Stadt hier sehr viel Kreativität hat.

Das Interview vom 01.12.20 führten M. Kochan und C. Kaiser

Text: M.Kochan / C. Kaiser

Fotos: S. Walzl

Aus den Produktionen des Oldenb. Staatstheaters; Titus, Die Spanische Stunde, Rusalka, Dido & Aeneas